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Anekdoten und andere Geschichten (2)


Wie sonderbar ist unsere kleine Lebensprozession! Das Kind spricht: "Wenn ich ein großer Junge bin." Doch was ist das? Der große Junge spricht: "Wenn ich mal erwachsen bin." Und ist er dann erwachsen, so spricht er: "Wenn ich mich verheirate." Doch sich verheiraten, was bedeutet das schon? Dann wandelt sich der Gedanke in den Wunsch: "Wenn ich in den Ruhestand treten kann." Und wenn dann dieses Stadium erreicht ist, blickt der Mensch zurück über die durchmessene Landschaft. Ein kalter Wind scheint darüber hin zu streichen. Irgendwie hat er alles versäumt, und es ist entschwunden. Zu spät lernen wir, daß das Leben im Gelebtwerden besteht, im Gewebe jedes Tages und jeder Stunde.
(Stephen Leacock)


Schopenhauers 36. Kunstgriff:
"Den Gegner durch sinnlosen Wortschwall verdutzen, verblüffen. Es beruht darauf, daß: << Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, es müsse sich dabei doch auch was denken lassen. >> Wenn er nun sich seiner eignen Schwäche im Stillen bewußt ist, wenn er gewohnt ist, mancherlei zu hören, was er nicht versteht, und doch dabei zu tun, als verstände er es; so kann man ihm dadurch imponieren, daß man ihm einen gelehrt oder tiefsinnig klingenden Unsinn bei dem ihm Hören, Sehen und Denken vergeht, mit ernsthafter Miene vorschwatzt, und solches für den unbestreitbarsten Beweis seiner eigenen Thesis ausgibt.
(Arthur Schopenhauer)


Ein Student besuchte einmal einen Zen-Meister und befragte ihn nach dem Zen. Wie es der Brauch fordert, servierte ihm der Meister Tee. Er goß die Tasse voll und goß dann immer weiter. Der Student sah erstaunt z u, wie die Tasse überfloß, und sagte schließlich: "Die Tasse ist voll. Es paßt nichts mehr hinein." Der Meister hielt in seiner Beschäftigung inne, sah den Studenten an, lächelte und sagte: "Wie diese Tasse bist auch du voller eigener Ideen, Meinungen und Ansichten. Wie kann ich dich etwas lehren, bevor du deine Tasse gelehrt hast?"


Eine Gruppe von Blinden gerät in Streit darüber, was ein Elefant sei. Einer befühlt das Ohr und erklärt, es sei ein Fächer. Ein anderer berührt ein Bein und behauptet, ein Elefant sei eine Säule. Ein dritter tastet am Rumpf entlang und glaubt, der Elefant sei eine Wand. Ein vierter ergreift den Schwanz und meint, der Elefant sei ein dickes Seil. Alle haben teilweise recht, aber keiner kommt der ganzen Wahrheit auch nur teilweise nahe, erst durch die Synthese aller Teilwahrheiten stellt sich die ganze Wahrheit dar.
(Indische Parabel)








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